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July 2nd, 2009

Ipernity: Bilder und Texte verschwinden

Vor einiger Zeit hatte ich hier eine Geschichte geschrieben, sie mit Bildern versehen und darob ein Glas Wein getrunken. Als ich mir dannn alles nochmal ansehen wollte, auch um Text mit Bildern lokal zu sichern, waren vom Text nur noch die ersten Zeilen übrig geblieben - der Rest und die Bilder einfach fort.

Am 12. Juni schrieb ich unter die Anfangszeilen der Geschichte (die ich nun neu geschrieben habe):

...tja, liebe Leserin, lieber Leser. Das war mal eine 60-Zeilen-Geschichte, die auch eine halbe Stunde mit Bildern lesbar war. Doch dann verschwand sie - mit Abbruch an der obigen Stelle - im Orkus der ipernity-Datenbank. Einen Hilferuf ans Team habe ich natürlich geschickt, eine Antwort oder gar Lösung auch nach 36 Stunden noch nicht erhalten.
Mal sehen, ob man es schafft, die Daten zu rekonstruieren. Sonst werde ich neu schreiben müssen. Aber wo? Hier, wo die Dinge einfach verschwinden? (Alte Dresden-Bilder sind auch futsch, also scheint so was öfter zu passieren)

Passiert ist nichts - das Ticket bis heute nicht beantwortet. Es gab, auf mein Drängeln, einen Zwischenbescheid ("wir kümmern uns") - aber das war's auch schon.

Ist das anderen auch passiert, dass Texte und/oder Bilder einfach verschwinden?

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July 2nd, 2009

Geschichten aus Sardinien (2)

Von den Felsen, die gerne etwas Anderes geworden wären

Caprera
Caprera
Man kennt das ja von den Kindern. Die verkleiden sich unheimlich gerne - ein Spaß, der irgendwann nachlässt und nur regional zur Karnevalszeit bei den Alten wieder ein wenig aufflackert. Ganz anders in der Natur! Da tarnen sich Felsen als Fabelwesen (der überlebensgroße Mutant einer Steinlaus frißt sich durch die Bergwelt der Isola Caprera) oder geben den Elefanten (nicht weit weg von der Steinlaus am Capo d'Orso - allerdings sieht der Bär die Steinlaus mit dem Hintern an). Weiter im Innenland fanden wir einen Hasen, zu dem es nichts weiter zu berichten gibt - außer, dass er weder mümmelte noch Haken schlug, sondern sich brav fotografieren ließ.

Roccia dell'Elefante
Roccia dell'Elefante
Warum machen sie das, die Felsen? Keine Ahnung. Vielleicht fühlen sie sich zu Höherem berufen. Oder sie haben eine wichtige Mission, eine Aufgabe. Der Roccia dell'Elefante in der Nähe von Castelsardo steht beispielsweise in einer zwar schönen Landschaft, aber an einem eigentlich touristisch nicht übermäßig interessanten Fleck. Aber dank des elefantösen Felsens kommen die Touris gefahren - und sogar in der Vorsaison stehen zwei fliegende Händler am Straßenrand, um allerlei Unnützes zum Kaufe feil zu bieten. Der Fels, der ein Elefant sein wollte, ist von der Staatsstraße 134 gut zu erreichen - wer auf der SP13m unterwegs ist, hat Pech: Ein Schild weist auf die Sehenswürdigkeit hin, aber man sieht sie nicht - die Straße wurde tiefer gelegt.

Capo Testa
Capo Testa
Können Felsen stolz sein? Vielleicht. Jedenfalls gibt der eine am Capo Testa sehr trefflich und überzeugend einen vornehmen Indianerhäuptling. Wobei, halt: Vielleicht ist das ja gar kein Häuptling, sondern ein stolzer Wächter und Beobachter? Der Indianerfelsen sieht hinüber nach Korsika - geologisch zwar gleiches Land wie dieser Teil Sardiniens, aber so rein menschlich waren da oben auf Korsika meist eher Feinde als Freunde.

Capo Testa
Capo Testa
Früher - heute ist das natürlich alles ganz anders. Und überhaupt: Heute ist man ja viel freizügiger als früher. Sogar die Felsen geben sich hin und wieder die Blöße - oder zeigen sie dem Betrachter ihren Hintern, um dadurch Abscheu für den Tourismus allgemeinund Unverständnis für herumhirschende Fotografen auszudrücken?



Fragen über Fragen - und die Felsen wollen sie nicht beantworten.

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June 9, 2009

Geschichten aus Sardinien (1)

Von den Farben

Welche Farbe hat das Meer?

Cala Luna
Cala Luna
Blau, wenn's für die Postkarte ist. Grau, wenn man persönlich vorbei schaut - in Deutschland sieht man es jedenfalls häufig so. Aber in Sardinien: Da ist das Meer türkis in alles Schattierungen, es glitzert silbrig, es schäumt weiß, es funkelt smaragd. Manchmal ist es auch nur tiefblau oder schlicht himmelblau - aber das ist schon fast so langweilig wie bei uns die mehr graublaue Variante.

Und welche Farbe gibt es an Land?

Rocco Pischinale
Rocco Pischinale
Grün, natürlich. Die Olivenhaine geben sich - wie zu erwarten - olivengrün, die Büsche der Macchia changieren von hellgrün bis dunkelgrün, zur Blütezeit unterbrochen von weiß, rosa, gelb, rot und anderen Tupfern: Das sieht nicht nur gut aus, das riecht auch unverwechselbar. Der große Kleine von der Insel nördlich Sardiniens, der Europa einst so unsicher gemacht hat, sagte über seine korsische Heimat einmal: Ich erkenne sie am Geruch der Macchia. Die Sarden können das auch.

Isola Rossa
Isola Rossa
Aber die Felsen, die sind doch grau, oder?

Auch, schon. Meistens sogar. Aber sie können auch blendend weiß sein wie der von Wind und Wasser rundgelutschte Granit bei Capo Testa oder tief rot wie der Porphyr der Isola Rossa. Und wo wir dabei sind: Sand gibt es auch, in den Buchten. Und der ist oft bilderbuchmäßig gelb.



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April 13, 2009

Ostern in Bautzen

Alte Wasserkunst und Michaeliskirche
Alte Wasserkunst und Michaelis…
Bautzen kennt man, wenigstens den Namen der Stadt: Einerseits mit weniger guten Konnotationen als Knast-Ort (Gelbes Elend der eine, Stasi-Knast der andere), andererseits als Heimat des Bautz'ner Senfes, den Kenner eher als gelbe Wohltat beschreiben und der nur echt mit dem Apostroph ist! Bautzen ist auch, und das wissen nun längst nicht mehr so viele, das kulturelle Zentrum der Sorben. Viele wissen ja nicht einmal, wer die Sorben sind - aber um das heraus zu bekommen, besucht man ja fremde Städte und erfreut sich dann am neuen Wissen.

Reichenturm
Reichenturm
Die Sorben sind ein slawisches Volk, das in der Lausitz lebt. Slawen besiedelten früher die Gegend - der Städtename Dresden leitet sich beispielsweise aus dem altsorbischen Drežďany für Sumpfbewohner ab, und auch Mockritz (der Stadtteil, in dem ich wohne) wird vom sorbischen mokry abgeleitet, was übersetzt nass, feucht bedeutet und ebenfalls auf die sumpfigen Bodenverhältnisse hinweist. Doch zurück nach Bautzen, das auf obersorbisch Budyšin heißt. Ortsschilder sind hier - wie auch Straßenschilder - zweisprachig sorbisch-deutsch, und lediglich so überflüssige Geschäfte wie künstliche Sonnenbräuner treiben es deutsch-englisch als "Sonnenstudio City Sun".

Osterreiten
Osterreiten
Wie man das bei Minderheiten häufig vorfindet, sind die Sorben Bewahrer von Traditionen. Sie pflegen nicht nur ihre Sprache, sondern auch Gebräuche - wie den des Osterreitens. Osterreiter gab es "schon immer", und wie so oft erfahren wir davon meist durch aufgeschriebene Verbote oder aktenkundig gewordene Zwischenfälle. So ritten die Wittichenauer als „Kreuzreiter“ (so heißt das Osterreiten auf obersorbisch heute noch: Křižerjo - Kreuzreiten) vor 1541 nach Hoyerswerda. Doch dann wurde man dort lutherisch und mochte den Brauch nicht – weswegen sich seitdem die Reiter aus Ralbitz und Wittichenau gegenseitig besuchen. Diese Gegenbesuche sind üblich – außer beim Osterritt von Bautzen nach Radibor, das ist one way plus Zurückreiten.

Osterreiter
Osterreiter
Einmal gab es sogar einen regelrechten Osterreiterkrieg – jedenfalls wird das so genannt, was sich da am Ostersonntag des Jahres 1623 zugetragen hatte: Christoph von Minkwitz, damals Gutsherr von Radibor, verbot den Osterreitern, den Friedhof zu betreten – auch er wollte so den lutherischen Glauben im Ort durchsetzen. Die Idee war schlecht und ging nach hinten los: Die Radiborer wollten reiten und kebbelten sich so handgreiflich mit Angestellten des Gutshofes, dass das als „Osterreiterkrieg“ in die Geschichte der Pfarrgemeinde einging.

Ostern in Bautzen
Ostern in Bautzen
Was Verbote nicht schafften, hätte der irreal existierende Sozialismus beinahe vollbracht: Weil es immer weniger Pferde gab, war den Osterreitern quasi die Grundlage ihres Tuns entzogen. Rafael Ledschbor erwähnt in seinem lesenswerten Beitrag für das Bistum Dresden-Meißen, dass das Osterreiten in Bautzen nur nur bis 1969 präsent war: „Zu wenig Pferde sowie mangelndes Interesse“. Und auch die Storchaer Prozession nach Radibor pausierte von 1973 bis 1977, weil der Pferdebestand sehr stark reduziert war.

Osterreiter
Osterreiter
Mittlerweile aber reiten sie alle wieder – 1.700 insgesamt, neugierig beäugt von geschätzten 35.000 Zuschauern. Für die Touristen ist es eine fotogene Attraktion, für viele Kinder ein Erlebnis – vor allem wenn die Zossen ungeniert den Schweif heben und die Straße beäppeln. Für die Reiter scheint es immer noch eine Mischung aus Tradition, Religion und Heimatbindung zu sein, sie machten allesamt nicht den Eindruck, besonders kamerageil zu sein und waren konzentriert bei der Sache – was die Gebete vor dem Start anbelangt und den lautstarken Gesang beim dreimaligen Umrunden der Liebfrauenkirche, mit dem der Ostermarsch hoch zu Ross beginnt. Die Herren können nämlich alle laut, aber nur einige schön. Beeindruckend war's dennoch.

Auf zum Protschenberg
Auf zum Protschenberg
Während die Osterreiter in festlichen Prozessionen nach Radibor ritten, strömten die Bautzener (ohne Apostroph, weil kein Senf) auf den Protschenberg zum Eierschieben. Selbst noch oben auf der Ortenburg stehend sah man über die Spree eine fröhliche Menschenschlange bergan ziehen – ein Bild, an dem die Herren Goethe und Spitzweg gleichermaßen ihre Freude gehabt hätten. Der Protschenberg ist ebenfalls seit ewigen Zeiten der richtige Ort zur rechten Zeit: Seit 1830 ist das Eierschieben dort verbürgt. Hartgekochte Eier, Äpfel, Nüsse, Apfelsinen und allerlei Gebäck kullerte den Steilhang hinunter und wurde unten von den Kindern aufgefangen. Oder auch nicht, wie man gerne erzählt: Dann sprangen die Kinder eben in die Spree, was ein kaltes Vergnügen ist zu dieser Jahreszeit.

Die Spender von Eiern & Co waren übrigens wohlhabende Bürger, das ganze hatte also zumindest in den Anfängen eine soziale Komponente. Die sucht man heutzutage vergebens: Alles Jahrmarkt, umsonst ist da nur der Aufstieg auf den Berg. Ansonsten kauft man Plastikbälle im Apfelsinennetz, und die können dann gefangen und umgetauscht werden – in „Geschenke“ steht auf der Internetseite zum Eierschieben, aber die sind ja vorher bezahlt.

Ostern in Bautzen
Ostern in Bautzen
Das ganze Vergnügen ist in eine Show eingebettet, mit Bühne vorne und Bratwurst, Sau am Spieß und was man sonst noch so zum Sattwerden braucht an der Seite. Es gibt jedenfalls reichlich Gelegenheit für die Bautzener, den Bautz'ner zu probieren! Auf der Bühne gastierte unter anderem das Sorbische National-Ensemble, dem man ansah, dass dort Profis tanzen. In den Ausgehtrachten sahen die Jungs gut und die Mädels hervorragend aus. Gut drauf waren sie alle, und das machte nun nicht den Eindruck von Schauspielerei...

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April 6, 2009

Venezianische Impressionen (13)

Die vierte Brücke

Ponte della Costituzione
Ponte della Costituzione
Über Brücken kann man gehen, aber auch trefflich streiten - wir in Dresden wissen das sehr wohl, sind aber keineswegs allein mit dem Brückenstreit. In Venedig, der an Brücken weiß Gott nicht armen Stadt, hatte man 1999 beschlossen, den Canal Grande mit einem vierten Bauwerk zu überspannen. Man gewann mit dem Spanier Santiago Calatrava einen der vorzüglichsten Brückenbauer unserer Zeit (die Wikipedia nennt ihn "Architekt, Bauingenieur und Künstler").

Calatravas Entwurf war, wie nicht anders zu erwarten, ein wenig unvenezianisch. Streng genommen hat er gar nichts vom alten Venedig - außer vielleicht ein paar Anklänge in den Materialien Kupfer und (istrischer) Stein. Aber die Gesamtwirkung kommt doch von anderen Dingen - beispielsweise dem verbauten Glas (Geländer und sogar die Stufen sind on top of the bridge aus Verbundglas - insgesamt stecken 56 Tonnen Glas in der Brücke!). Oder im Schwung, der in der Brücke steckt: Sie ist unterschiedlich breit - unten an den Ufern 5,58 Meter, in der Mitte 9,38 Meter.

Ponte della Costituzione
Ponte della Costituzione
Gerade weil die Brücke so leicht und schwungvoll wirkt, passt sie tatsächlich nicht zu den anderen. Aber an dieser Stelle ist Venedig sowieso nicht sehr traditionsreich: Der Piazzale Roma ist so ziemlich das Hässlichste, was die Stadt zu bieten hat, ein Busbahnhof, von dem man nur eins will: schnell weg. Und das geht - entweder mit den Bussen aufs Land (und zum Flughafen) oder mit den Booten der ACTV durch die Kanäle Venedigs. Drei kleinere Brücken ermöglichten auch Fußgängern die Flucht vom unansehnlichen Piazzale Roma hinüber in den netteren Teil von S. Croce und weiter zum Rialto oder nach San Marco. Und wer nach Cannaregio wollte, war auch schnell da: Gleich hinterm Bahnhof (dem für Züge) gibt's die Ponte degli Scalzi über den Canal Grande. Statt bislang zwei braucht man nun also nur noch eine Brücke, um vom einen zum anderen Bahnhof zu kommen: Die Ponte della Costituzione. Aber wer will schon mit dem Bus ankommen und mit der Bahn gleich wieder abfahren?

Die 94 Meter lange und an höchster Stelle 9,28 Meter hohe Brücke wurde nach fünfjähriger Bauzeit am Abend des 11. September 2008 quasi in aller Stille der Öffentlichkeit übergeben - auch ein Zeichen für die Unbeliebtheit des Bauwerks. Dabei ist es wirklich eine optische Bereicherung für die Stadt - und auch die heute alten Brücken waren zu ihrer Zeit modern und meist nicht unumstritten.

Ponte della Costituzione
Ponte della Costituzione
Wie schon erwähnt, sind die Stufen teils aus Glas. Dennoch kann man von oben nicht runter sehen - aber von unten sieht man die schemenhaft vorüber huschenden Brückengänger. Rutschig ist es auch nicht auf dem Glas - wir hatten ja eigens Regen bestellt, um den Glitschtest zu machen... Von der Brücke hat man - das ist ja ein bei umstrittenen Brücken gerne vernachlässigter Teil der Argumentation - einen schönen Blick auf den Canal Grande.

Bei Dunkelheit beleuchten fluoreszierende Lampen den Handlauf und die Stufen. Das ergibt ein schönes Bild – Fotografen sollten also keineswegs ihr Stativ vergessen! Aus der Entfernung sieht das so elegant aus wie aus der Nähe. Wenn man weiter weg ist und Richtung Piazzale Roma sieht, wünschte man sich die Brücke des Herrn Calatrava allerdings gerne etwas weniger schlank - denn so verdeckt sie kaum das hell erleuchtete Grauen der Platzmoderne...

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April 5, 2009

Venezianische Impressionen (12)

Auf dem Fischmarkt

Fischmarkt
Fischmarkt
„What news on the Rialto?“ lässt Shakespeare seinen Shylock in der dritten Szene des ersten Aktes vom „Merchant of Venice“ fragen. Gute Frage: Was gibt’s Neues auf dem Rialto? Ehrlich gesagt nicht mehr so viel wie damals. Riva alto, die Insel mit dem etwas höheren Land und somit ein wenig hochwassersicherer als andere Teile der Stadt, war vor 500 Jahren das kaufmännische Zentrum von Venedig.

Man sieht diese Vergangenheit der Brücke noch heute an - auch wenn der Trubel dort oben rein touristischer Natur und deswegen von unsereins absolut zu meiden ist: Sind wir denn Touristen? Nein, wir sind Besucher der Stadt und wollen keinen Klimbim, der nach dem Prinzip "Schlechtes muss nicht preiswert sein!" verkauft wird. Unser Problem ist natürlich, dass wir auch nicht wirkliche Venezianer sind, also den Fisch- und Gemüsemarkt gleich unterhalb des Rialto nicht als Käufer besuchten, sondern als Gucker.

Fisch legen
Fisch legen
Eins ist klar: Wenn ich in Venedig wohnen würde, wäre ich jeden Tag dort und würde rumgehen, schwatzen, kaufen. Was für eine Pracht! Was für eine Frische! Und wie liebevoll die HändlerInnen mit den ihnen anvertrauten Waren umgehen: Alles ist fein säuberlich ausgerichtet und ergibt ein Bild - eins, das mit den daneben liegenden Lebensmitteln sich zu einem Mosaik verbindet, das täglich neu entsteht und sich stündlich verändert, weil es eben nicht nur Touris und Gaffer gibt, sondern auch Käuferinnen und Käufer. Letztere kommen übrigens schon frühmorgens (naja: wir waren so gegen acht Uhr da, also nicht ganz so früh) in feinem Zwirn gewandet und bestens beschuht mit ihrer Aktentasche unterm Arm vorbei, um nach dem üblichen freundschaftlichen Gespräch Fisch und Gemüse zu kaufen. Da stellt sich doch die Frage: Lagern sie den Fisch im Büro?

Die Verkäufer und (deutlich weniger) Verkäuferinnen an den Ständen sind natürlich alles keine null-acht-fuffzehn-Typen, sondern eben Marktverkäufer. Dass sie ihre Ware lieben, sie streicheln, begutachten, sortieren ist das eine. Dass sie sie anpreisen, ist selbstverständlich - aber wie sie das tun! Am besten gefallen hat mir der eine Fischverkäufer, der die Zahlen nicht sprach oder gar herausschrie, sondern sang! Ich komm' nicht auf den Titel, aber die Melodie war irgendwas Klassisches. Verdi, wahrscheinlich. Der Text dramatisch, aber gesungen doch so melodisch: "quattordici e quindici!" Gut gefiel mir, dass der Kollege am Stand gegenüber gleich einfiel, die inhaltsschwangeren Worte aufgriff und mit gleicher Meldodie, doch hübscherer Phrasierung, antwortete: "quattordici e quindici!"

Das Leben kann so einfach und so fröhlich sein!

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April 4, 2009

Venezianische Impressionen (11)

So war der ombra mal gemeint...

Nur Mut...
Nur Mut...
Vor der Kirche dei Tolentini gegenüber vom deutschen Honorarkonsulat, unweit des Piazale Roma, gibt es eine veritable Restauration, die vorzustellen sich lohnt: Bacareto da Lele heißt die kinderzimmerkleine Lokalität am Kirchplatz. Zwei Türen gibt's, und der Raum vor der Theke ist klitzeklein. Aber er ist ja auch nur zum Bestellen gedacht, denn dann geht man raus und hat auf dem Campo dei Tolentini genug Platz zum Plaudern.

Von Draußen hinterlässt da Lele einen durchaus ungewissen, vielleicht sogar bei vielen voreingenommenen Betrachtern einen gewissen Eindruck: Nämlich den, da nicht hinein zu gehen. Fahrlässig grob betrachtet könnte man den Ort für einen Pennertreff halten. Richtig ist: Da stehen Männer (seltener Frauen) in Arbeiterkleidung, haben ein Glas Wein in der Hand, reden laut - ob das das richtige für uns ist?

Gemischte Gesellschaft
Gemischte Gesellschaft
Der erste Blick ist typisch deutsch und trügerisch: Erstens stehen da Männer von der Müllabfuhr neben dem Rechtsanwalt im edlen Zwirn. Zweitens ist das Glas Wein so klitzeklein, wie das nur in Venedig geht - und drittens reden italienische Männer immer laut. Wir also rein!

Drinnen trennt die Theke das da Lele in den Kundenbereich - da passen vielleicht zehn stehend zusammen rein - und den Bedien- nebst Küchenteil. Zwei freundliche Herren wuseln da herum - der eine bediente uns (und sprach leidlich deutsch, wer hätte das erwartet?), der andere kümmerte sich um Nachschub bei den cichetti, den kleinen Leckereien. Es gibt verschiedene Sorten Rot- und Weißwein, es gibt Prosecco - aber keinen Espresso - so eine große Maschine passt in den Laden wohl nicht rein (zwei Espressobars sind aber gleich nebenan).

Rotweinschatten
Rotweinschatten
Hier scheint ganz Venedig (bzw. der Teil, den es hier vorbeiführt auf dem Weg zur und von der Arbeit) Gast zu sein. Und die beiden Jungs scheinen alle zu kennen - jedenfalls plaudern sie so mit ihnen, trinken auch mal einen mit und sind immer gut drauf. Dass die Gäste auch gut drauf sind, liegt einerseits an der ehrlichen Qualität der Weine (aus dem Fass kommen sie in die Zweiliterflasche und von dort aus in die Ombra-Gläschen) und den vorzüglich schmeckenden kleinen belegten Brötchen - es liegt auch am Preisgefüge: 60 Cent für das Gläschen Cabernet und 90 Cent für ein Häppchen (zum Beispiel Peperonisalami/Käse oder Mortadella/Paprika).

Bacareto Da Lele, Campo dei Tolentini, 183 Santa Croce. Kein Telefon.

Karte Essen und Trinken in Venedig

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April 3rd, 2009

Venezianische Impressionen (10)

Aqua alta

Gespiegelt
Gespiegelt
“Ich“,sagte der Nachtportier des Locanda Salieri, der – wie die meisten seiner Kollegen – den Eindruck eines Rentners mit Zusatzeinkommenswunsch macht, „ich würde nicht mehr raus gehen!“ Er zeigte auf das Wasser, das vor die Tür plätscherte – und das zehn Minuten zuvor, als wir ankamen im Hotel am Fondamente Minotto, noch nicht da war.

Aqua alta, Hochwasser. Die Venezianer kennen es, denn Venedig ist extrem nah am Wasser gebaut, und das Wasser steigt und fällt sowieso und immer im sechsstündigen Tidenrhythmus von Ebbe und Flut. Normalerweise bemerkt man das gar nicht beziehungsweise achtet nicht drauf, aber bei Hochwasser kann es dann doch ganz schnell gehen. Fünf Zentimeter die Stunde heißt: Bei Ankunft im Hotel kommst du trocken an, beim Gang ins nebenan liegende Restaurant gibst du den Ballettänzer und machst einen auf Spitzentanz – und nach dem Essen steht dir das Wasser bis zur Wade.

Aqua alta
Aqua alta
„Wade in the Water“ spielte das Ramsey Lewis Trio vor Jahrzenten – ach so haben sie das gemeint! Im Restaurant lachten sie, als wir Schuhe und Socken auszogen. Die meisten Gäste hatte man hinten raus geschickt: Da ist es etwas höher. Aber wir mussten ja vorne raus, weil unser Hotel nur vier schmale Häuser weiter rechts liegt.. Auf hundert Meter etwa ist das Ufer hier niedrig und hochwassergefährdet. Die Menschen wissen damit unterschiedlich umzugehen, aber wie sie es auch machen: Griesgrämig ist keiner dabei. Man lacht und arrangiert sich.

Als wir – mit bläcke Föös, wie der Kölner sagt (also barfuß) das Lokal verließen, kam gerade einer vorbei, der seine Frau/Feundin huckepack trug und an der nächsten Brücke auf trockener Stufe ablud. Andere hatten Stiefel an: schlichte grüne die Einheimischen, blümchenbunte die Touristen. „Ich habe meine Stiefel oben im Büro“ sagte der Chef des Restaurants: Aqua alta – business as usual.



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March 23, 2009

Zu den Märzenbechern im Polenztal

Märzenbecher
Märzenbecher
Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt. Aber was passiert im Märzen, wenn es kaum noch Bauern, geschweige denn Rösslein gibt? Dann muss man auf ins Polenztal!

Wo bitte ist denn das? Im Osten! Zwischen Langburkersdorf und Porschdorf - zwei Orte, die man beide nicht kennen muss, auch wenn es dort eigentlich ganz hübsch ist. Die Polenz gibt dem Tal den Namen - und eine biologische Besonderheit gibt ihm den Ruhm, zumindest unter Fachleuten und unter Sachsen, die sich da natürlich auskennen: Der Märzenbecher.

Märzenbecher
Märzenbecher
Märzenbecher sind was Seltenes, und wer sie in seiner Gegen hat, wähnt sich offensichtlich gleich als Sieger: "Eines der größten Vorkommen in Deutschland dieser streng geschützten Pflanze ist der Leipziger Auwald (Stadtwald)", schreibt die Wikipedia und fährt fort: "Größere natürliche Vorkommen wildwachsender Märzenbecher innerhalb Deutschlands finden sich auch im Polenztal der Sächsischen Schweiz zwischen Polenz und Hohnstein, am Schweineberg im Stadtforst Hameln, bei Haina (Grabfeld) sowie am Nordabhang der Fränkischen Alb bei Ettenstatt in Bayern."

Das Schild am Eingang zur Märzenbechergegend im Oberen Polenztal ist älteren Datums, wie man an der überschriebenen Staatszugehörigkeit sieht (wo heute "in der BRD" hieß es früher "in der DDR"). Auf dem Schild ist vom "größten Wildvorkommen" Sachsens die Rede - und ich frage mich, ob die Märzenbecher im wunderbaren Leipziger Auenwald zahm sind...

Russigmühle
Russigmühle
Apropos Eingang zur Märzenbechergegend: Deren gibt es zwei, die jeweils auch Ausgänge sind - je nachdem wo man anfängt und aufhört. Wir kamen von der Russigmühle etwas stromab der Polenz. Dort galt es ein paar hübsche Fotos des bestens restaurierten Hauses (1848 gebaut, steht über dem Eingang) zu machen und einen Schatz zu heben. Ersteres wegen der gerade korrekt im richtigen Winkel stehenden Sonne am Anfang der Tour, letzteres am Ende: Geocacher haben's nicht so mit vorbei laufenden Spaziergängern. Doch zu Muggeln und Schätzen später mehr.

Da lang
Da lang
An der Heeselichtmühle - laut Sandsteinrelief neueren Datums von 1561 - warnt ein Schild lieb vor dem Hund. Die alte Mühle ist in Privatbesitz, der Wanderweg führt quer übers Grundstück - da braucht man gute Nerven! Selbst der Hund scheint kapituliert zu haben vor den Menschenmengen - oder er ist heiser vom vielen Besucher melden: gesehen haben wir ihn nicht. Ansonsten ist das ein Haus, an dem immer gewerkelt wird - und sie vermieten Zimmer. Hübsche Lage, aber tagsüber lauter Menschen am Wochenende vor der Tür...

Die Polenz kommt einem munter plätschernd entgegen - nahezu auf Augenhöhe. Märzenbecher sieht man hier kaum - die kommen später. Dann und wann tauchen sie allerdings auf, zum Beispiel in kleinen Brachen zwischen Ästen und Zweigen: das ist die richtige Umgebung für die Frühlings-Knotenblume (Leucojum vernum). Am Wegesrand gibt es aber nicht nur Blumen, sondern auch Rost: Mit Freuden entdeckte ich den Bus, der bereits vor zwei Jahren an der Scheibenmühle vor sich hin rostete. Wie schön, dass es Konstanten im Leben gibt! Die Scheibenmühle ist mittlerweile im eher rüden Stil bewirtschaftet, falls das jemanden interessiert - wir waren nicht drin.

Märzenbecher-Wiese
Märzenbecher-Wiese
Direkt hinter der Scheibenmühle gibt es dann die ersten größeren Märzenbecher-Teppiche. Um die Mittagszeit liegen sie im Schatten, wir sind auf dem Rückweg eigens nochmal hierhin, um sie im Sonnenlicht zu erwischen. Die naturgeschüzten Märzenbecher stehen nämlich am liebsten auf Wiesen, die man aus gutem Grund nicht betreten darf. Hier gab's kein Schild, keine Absperrung und am Rand genug Platz, um sich heranzupirschen, ohne etwas zu zerlatschen. Sylke, die sich für Blumen schon mal flach auf den Boden legt, fand sogar dafür Platz - und wo es zu eng für den flachen Bauchklatscher war, gab Curly die hockende Grazie.

Der Wanderweg verlässt die Flussebene und geht ein wenig in die Höhe, so dass man auf die sich durchs Tal schlängelnde Polenz sehen kann. Muntere Bächlein kommen vom Berg herab, was den Weg manchmal etwas pitschepatschig macht - die meisten Menschen hier wissen das und verzichten auf Stöckelschuhe - und für die ganz verrückten Touristen aus der großen Stadt ist es ja noch nicht die Jahreszeit.

Kleiner Fluss mit großer Schleife
Kleiner Fluss mit großer Schle…
Wenn die Polenz in Schleifen wie die große Schwester Elbe durch die Gegend plätschert, dann gibt es zwangsläufig immer mal wieder einen Richtungswechsel- Beim kalten Märzwetter sind das temporäre Temperaturwechselbäder: In der Sonne ist es schön warm (Jacke auf), im Schatten empfindlich kalt (Jacke zu). Das klingt gemein, aber eigentlich hat die Natur ja doch einen großen und guten Plan, denn während auf der (märzenbecherfreien) Wiese am Waldesrand die Menschen in der Sonne sitzen, lugen auf der (menschenfreien) Aue im Schatten des Waldes die Märzenbecher aus den letzten Schneeresten.

Betreten verboten
Betreten verboten
Kurz vor der Bockmühle kommt das das größte zusammenhängende Märzenbecherareal. Hier wurden wir vor zwei Jahren von einer pensionierten Oberlehrerin angerungst, wiel wir uns zu dritt mit unseren Kameras den zierlichen Naturgeschützten von der Seite her genähert hatten (vgl. Originalbeitrag). In diesem Jahr verwiesen die Eulen der Naturschutzbehör.de darauf, dass das Betreten der Wiese verboten sei - was wir natürlich respektierten. Offensichtlich sind hunderte behende über die Auen hupfende Fotografen im Ergebnis dann doch eher einer Trampeltierherde gleich zu setzen...

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March 9, 2009

Apulische Augenblicke (26)

Die kleine Grottentour

Die kleine Grottentour
Die kleine Grottentour
Weil es so kalt sei, erklärte die Dame in der Biglietteria von di Maso & Figlio in einem deutsch-englisch-italienischem Sprachgemisch, habe man den Badestopp aus der Tour gestrichen und fahre eine halbe Stunde später ab, komme dafür aber auch schon eine halbe Stunde früher zurück. Am Preis freilich hatte man nichts geändert: 13 Euro pro Person für faktisch dann eineinhalb statt drei Stunden, denn es ging noch schneller zurück als angekündigt. Und der Bootsführer, da bin ich mir sicher, ist auch nicht die volle Tour gefahren, denn der Grottenplan der Kommune und die einschlägige Literatur verweisen auf deutlich mehr, als wir gesehen haben.

All People on Board
All People on Board
Was soll's, trotz garganischem Wetter (mit blauem Himmel und Sonne beginnen und dann schlagartig eintrüben zu apulischem Grau in Grau) hat die Tour sich gelohnt. Auch wenn wir anfangs argwöhnten, allein mitfahren zu wollen, waren letztendlich etwa 40 Leute an Bord, woraus man einen guten Stundenlohn für den Skipper ausrechnen kann. Wir saßen ganz hinten: Eine gute Wahl zum Fotografieren (weil ja nach hinten immer freie Sicht ist), eine windige Angelegenheit bei voller Geschwindigkeit des Bootes.

Vieste - Leuchtturm Seeseite
Vieste - Leuchtturm Seeseite
Schon der Beginn der Tour ist bemerkenswert: Man sieht kurz nach der Ausfahrt aus dem Hafen den Leuchtturm, der ja bei geschickter Motivwahl in Vieste nahezu immer auf dem Bild ist, von der anderen Seite. So, wie ihn vom offenen Wasser kommende richtige Fischer, Kreuzfahrtensenioren oder Entdecker sehen: Mit der Aufschrift "Vieste" - damit man weiß, wo man ist! Ebenso spektakulär und ungewohnt ist die Ansicht auf den Felssporn von Vieste, die man nach einem Rechtsschwenk des Bootes genießen kann. Der Skipper, ein eher lustlos drein blickender Italo-Macho mit Sonnenbrille, entpuppte sich als netter Ansager mit einem Hang zum beschleunigten Feierabend - "aber egal", wie Sylke sagen würde...

Trabucco
Trabucco
Die Kalkstein-Küste bietet vom Meer einen grandiosen Anblick, mit bizarren Formen und (wenn die Sonne scheint, wie es ja sein sollte) einem prächtigen Farbenspiel von weiß über alle Schattierungen des Gelben bis hin zu nahezu schwarzen Streifen. Gerne hat das Wasser auch Höhlen in den Fels gefressen, und die Menschen haben dem Drang nachgegeben, diesen Grotten Namen zu geben. Oh Mann, wenn das Wetter nicht langsam ungemütlicher geworden wäre, hätte das richtig Spaß gemacht und Stoff für eine Geschichte gegeben: Die Höhle der zwei Augen! Die Grotte der Sirenen! Die der Schlange, die der Fledermäuse, der Schmuggler - wenn jemand Stoff für einen Roman sucht, hat er hier schon mal ein paar Locations.

Grotta Campana Grande
Grotta Campana Grande
Manchmal fährt dieser Wahnsinnstypi mit der Sonnenbrille auch in so eine Grotte hinein, und die 40 Leute im Boot stehen dann alle auf und machen Bilder. Lustig, wie es da aus den kleinen Kameras herausblitzt! Vor allem das Fotografieren 20 Meter entfernter Höhlendecken mit Blitz kommt gut - so wie das des Mondes, in etwa. Ob mit oder ohne Foto: Was die Natur da so hingezaubert hat, ist schon beachtlich. Aaaahhh! und Ooooohhhhh! sind garantiert, und wie so oft hätte ich jetzt gerne einen Fachmann (oder eine Fachfrau) dabei gehabt, um diese Phänomene mit eine wenig fundiertem Wissen zu erklären. So blieb's beim rein optischen Genuss.

Spitzfindige Bezeichnungen...
Spitzfindige Bezeichnungen...
Wir passieren einen Punkt, der Testa del Gargano, der Kopf des Gargano, genannt wird. Unser Bootsführer erklärte: Der sieht aus wie ein Spitz. Naja, aus einer Position und mit einiger Phantasie kann man das durchgehen lassen. Wir sind auch noch an der "Tomate" vorbei gefahren, aber das habe ich nun gar nicht verstanden. Wie eingangs schon erwähnt: Das Wetter wandelte sich zum Miesen, das Boot drehte (wie ich denke: früher als geplant) um und brachte uns schnell zurück. Wahrscheinlich hatte unser Bootsfahrer es eilig, seinen Caffee in der Hafenbar zu bekommen. Aber, ätsch, die hatte zu.

Alle Apulischen Augenblicke

Karte mit Ortsmarken und der Reiseroute

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March 4, 2009

Apulische Augenblicke (25)

Von Surfern und Bierhäusern

Liebes Tagebuch!

PittiPlatsch
PittiPlatsch
Heute waren wir am Strand mit den vielen Surfern. Punta Lunga heißt das da, und es gibt Campingplätze en masse, gefährlich viel drahtige Italiener und obendrein eine Menge Bayern, die den ungleichen Kampf mit den Naturgewalten Wasser und Wind aufnehmen wollen. Meistens verloren sie: Es lagen weitaus mehr Surfbretter am Strand und Menschen neben ihren glitschigen Brettern im Wasser als für ein chices Coverfoto gut gewesen wäre. Außerdem schien die Sonne mal wieder kein bisschen, zudem wehte nur ein recht lauer Wind. Und dann auch noch aus der falschen Richtung! Uns war das egal, denn wir liefen nur voyeuristisch den Strand entlang und kamen ohne körperfigurbetonenden Neoprenanzug aus, was vielleicht auch besser so war...

Landestypisches Restaurant
Landestypisches Restaurant
Bayern in Apulien klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber offensichtlich sowas von selbstverständlich, dass man auf alles gefasst sein muss. Zum Beispiel auf ein bayerisches Tupferl etwas landeinwärts: Da steht ein Beergarden mit Hofbräu-Bier vom Fass. Da geht unsereins (Weintrinker/in und nicht aus Bayern) doch freiwillig nie rein! Wir taten's dennoch, tapfere Tester im Namen aller nach uns Reisenden – und waren begeistert. Hausgemachtes Brot aus dem Pizza-Ofen, Bio-Olivenöl, gefüllte Artischocken (würzige Brot-Ei-Mischung), vorzüglicher frischer Barsch vom Grill, der (endlich einmal!) nicht nach Holzkohlengrill schmeckte, obwohl die knusprige Haut über dem saftigen Fleisch schon ordentlich Hitze abbekommen hatte. Pane Pomodore als Spezialität erschloss sich uns nicht wirklich als (wie von der Chefin angesagt) etwas Besonderes, aber die Maulbeeren aus dem Garten, mit grünen Blättern geschützt und von Tisch zu Tisch wandernd, waren eine kostenlos gereichte Leckerei zum Abschluss – und der Lorbeerschnaps nach dem Bezahlen hatte es auch in sich.

Am Nachmittag füllte sich das Haus: Lauter total coole Italiener fuhren vor (und parkten uns beinahe zu), alle mit total coolen Klamotten und supercoolen Sonnenbrillen, die sie aber im dunklen Haus abnehmen konnten. Sie kamen, um gemeinschaftlich das Fußballspiel Rom gegen Mailand zu sehen. Der Wirt musste mitgucken, weswegen der Caffee von einer Tittenbraut serviert wurde,die zuvor am Gästetisch saß. (Ich bitte das zweite durch Kursivdruck zurückgenommene Wort zu entschuldigen, aber die Dame hing schon sehr betont an ihrem Busen und betonte die üppige Macht noch durch ein rotes Herz im sonst enganliegenden schwarzen Dress. Und ja: ich habe ein Bild, aber nein: ich werde es nicht zeigen ;-)

Und nun noch die Geschichte, warum im Gargano ausgerechnet Hofbräu gezapft wird.

Der Wirt ist hier in der Gegend geboren, aufgewachsen aber in Mailand. Als er ins wehrpflichtige Alter kam, zog er es vor, auch der erweiterten Heimat vorübergehend ade zu sagen („die Hippiezeit!“ grinst seine Frau, als sie es uns erzählt) – und es verschlug ihn nach England, wo er sie kennen lernte. Beide waren, wenn ich das richtig verstanden habe, noch acht oder neun Jahre gemeinsam in München, bevor er sich wieder nach Italien trauen konnte. Hier betreiben die beiden nun den Beergarden – mit Bier aus München, „weil wir ein Bier vom Fass ausschänken wollten, das auch schmeckt!“ Im Winter besteht die Kundschaft nahezu ausschließlich aus „den Jungs aus Vieste“, die nun hier Fußball gucken. Im Sommer wagt man den Spagat mit den Touristen, die die nahe gelegenen Campingplätze massig anspülen. Chef und Chefin sprechen deutsch, englisch und italienisch, und sie führen ihr Restaurant nach dem Motto „das Beste aus den drei Kulturen“.

Wetten, dass wir am nächsten Abend noch einmal da waren?

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March 1st, 2009

Apulische Augenblicke (24)

SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSssssssttttttttttttttttttttttt

Chairs with a view
Chairs with a view
Strandtag in Vieste – eigentlich eine eher ruhige Angelegenheit. Der Strand ist lang, die Zahl der Touristen und Einheimischen hält sich in Grenzen. So ein Ausruhtag ohne besondere Ereignisse muss auch mal sein! Linker Hand sieht man den Felssporn, auf dem das alte Vieste erbaut ist. So ganz beruhigt können die Anwohner der Häuser an der Felskante nicht schlafen, denn das Meer knabbert immer noch am Felsen. Sagen wir so: Es ist extrem unsicher dort - aber schön!

Dem Meer entstiegen
Dem Meer entstiegen
Das Wasser ist klar und blau, der Strand hat reichlich vom gelben Sand: ohne die Sommertouristen ist das richtig schön - und nicht mal gefährlich. Sylke nimmt ein Bad, ich sehe einem Angestellten zu, wie er Landesflaggen hisst. Er macht das nicht ohne Grund: Heute ist für Vieste nämlich ein großer Tag, der Giro d'Italia kommt auf seiner 6. Etappe von Potenza nach Peschici hier durch. Es ist die längste Tour des Giro, und sie wurde (nach Protesten der Fahrer) schon um 33 Kilometer verkürzt. Geblieben sind aber immer noch 232 Kilometer - nicht schlecht, Herr Specht!

Giro d'Italia
Giro d'Italia
Die Stadt hat ein Halteverbot ausgesprochen und ist ab Mittag für den Verkehr komplett gesperrt. Es regt sich aber keiner drüber auf - man ist wohl eher ein wenig stolz, dass das sportliche Großereignis Vieste berührt. Viele gaaaanz wichtige Menschen laufen herum, darunter gehetzt wirkende Hilfspolizisten, die Absperrflatterbänder entlang Einfahrten und Einmündungen von Nebenstraßen spannten – Straße frei für die Radler.

Doch bevor die kommen, inspizierten erst einmal fette Polizisten auf gemütlichen Motorrädern mit Blaulicht den Weg. Wir hatten es uns, angesteckt von der Betriebsamkeit, im Garten des Restaurants oberhalb des Strandplatzes bei einem Glas Wein gemütlich gemacht. Nebenan äugte ein Paar aus Bayern immer mal wieder auf die Straße. Nichts passierte.

Doch dann plötzlich: "Sie kommen! Sie kommen!" Mit "Sie" waren aber keineswegs die Radfahrer gemeint, sondern die viel wichtigeren Sponsoren in ihren schnellen Autos, die sich – wozu ist schließlich jeglicher anderer Verkehr gesperrt? - im Autobahntempo auf die Stadt zu bewegten. Jede Menge Promotionswagen bieten irgendwas für drei und noch etwas mehr für zehn Euro an – ich habe nicht verstanden was, aber sie rauschten alle vorbei und waren ganz bestimmt wichtig.

Dann erst einmal wieder nichts. Zeit für ein Gespräch mit den Bayern. Sie wohnen - aus unserer Sicht - hinter Vieste im Wohnwagen auf einem der zahlreichen Campingplatz und sind - sehr stilsicher an so einem Tag! - mit dem Rad zum Strand gekommen. Außerdem trinken sie auch gerne Wein und haben einen Geheimtipp, nämlich einen Hersteller mit gutem und günstigen Wein (genau: das ist der in der vorigen Folge beschriebene - ich habe mal die Chronologie ein wenig geändert, so kommt's raus).

"Sie kommen! Sie kommen!" Dieses Mal sind sie es wirklich. Man erkennt die Spitzengruppe des Giro am Hubschrauber dicht über der Straße, aus dem heraus gefilmt wird. Oben geht es also hubschrabschrabschrabschrab und unten macht es
SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSssssssttttttttttttttttttttttt. Und dann sind sie vorbei.

Wieder nichts, dann wieder wichtige schnelle Autos, Blaulicht, nichts und dann das Hauptfeld. Und das war's. Die neuen Bekannten schwingen sich aufs rad und machen gemächlich los gen Feriendomizil. Ohne Blaulicht vorweg und ohne ssssttt. Aber mit der Gewissheit, dass zu Hause ein nettes Glas Rotwein wartet.

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February 27, 2009

Apulische Augenblicke (23)

Wandern auf der weiß-roten Route

Foresta Umbra
Foresta Umbra
Die zweite Wanderung durch Foresta Umbra war prinzipiell ein wenig geplanter als der erste Trip und sollte auch länger ausfallen - eine Tagestour. Zwischenzeitlich drohte das Unterfangen zwar zur Tortur zu werden - doch dazu später mehr. Wir begannen die Wanderung frohen Mutes an einem wunderbaren Parkplatz in der Nähe eines Picknickplatzes - zum Wiederfinden: Kurz hinter Kilometer acht auf der Straße von Vieste zum Informationszentrum.

Unsere Absicht: Die Wanderung 2 aus dem Plan der Parkverwaltung zu finden.

Auf den alten rot-weißen Spuren
Auf den alten rot-weißen Spure…
Unsere Wanderung: Schön, aber nicht die gewollte. Die Entscheidung zum schönen falschen Weg fiel früh an einer Kreuzung, die es auf der Karte gar nicht gab. Die Karte ist nämlich pädagogisch wertvoll und damit fürs Leben nicht brauchbar: Es stehen nur Wege drauf, die man gehen darf; solche, die man nicht gehen soll, sind schlichtweg nicht eingezeichnet. Man kann sich also so gut wie gar nicht orientieren, denn wenn man Karten nach dem Motto „Was nicht sein soll, zeigen wir nicht“ zeichnet, kann man es auch gleich sein lassen. Lustig: Die Wege, die wir gingen, waren ausgeschildert (zuerst gelb, dann weiß-rot und schließlich weiß-rot und gelb) – aber wohin sie führten, blieb das Geheimnis der Baumanmaler. Mittlerweile weiß ich, dass es Zeichen eines alten Wandernetzes sind - eines Wegesystems, das nicht mehr gepflegt wird.

Wir ließen das Los entscheiden zwischen rotem Kreis, weiß-rotem Balken und gelbem Strich und entschieden uns - für weiß-rot. Ein wunderbarer Weg, wenn auch der falsche! Wenn ich das im Nachhinein richtig einschätze, führte er immer südlich vom Wunschpfad durch sich sauber voneinander abgrenzende Vegetationszonen. Bäume, Blüten, Schmetterlinge - langweilig war's nie! Wir ahnten bald, dass wir uns irgendwann falsch entschieden hatten, wussten aber weder genau wann noch wo wir waren – außer: auf der weiß-roten Route.

Ist denn schon wieder Freitag?
Ist denn schon wieder Freitag?
Plötzlich erreichten wir eine Lichtung mit zwei Badewannen an einem altem Brunnen: Das konnte nur Piscina di Picone sein – ein Punkt auf der Karte, zu dem absolut kein Weg führte. Die Wannen machten keinen sehr einladenden Eindruck, und auch das Brunnenwasser sah nicht nach Spitzenplatz einer Apulischen Wasserqualitätshitliste aus. Also ließen wir die Piscina in the Middle of Nowhere hinter uns und taperten munter weiter: Es war ja schön, und die Bäume trugen ausreichend oft weiß-rote Streifen! Irgendwann wurden die Auszeichnungen spärlicher. Das ist dann die richtige Zeit und zweifelsohne auch der richtige Ort, über Orientierungssinn, Kartenlesevermögen und Umkehrpläne zu diskutieren. Als hilfreiches Argument erwies sich ein plötzlich auftauchendes richtiges Schild. Leider war es nicht für uns, denn es wies Radfahrern den Weg: Rechts zweimal in den Wald, links zur Caserma Caritate, nahe unserem Ausgangspunkt.

Im Schattenwald
Im Schattenwald
Na, den nehmen wir doch, selbst wenn wir zu Fuß sind! Außerdem geht der Weg immer schön bergab und gehört zu den schönsten Strecken, die man hier gehen kann. Wir erlaufen uns die offizielle (!) Tour drei, laut Parkverwaltungsplan. Obendrei begehen wir die Wanderstrecken "gelb" und "weiß-rot", laut den Bäumen links und rechts. Wir marschieren erneut durch die Vegetationsebenen: Besonders bei den Ginstern, die in der Sonne strahlend gelb leuchten (wie Ginster das so machen, wenn die Sonne scheint) ging uns das Herz der Begeisterung über. Und als wir, so ganz ohne Beschreibung, tatsächlich wieder da ankamen, wo wir los gegangen waren, war auch für die gerne ein wenig an meiner Orientierung zweifelnde Sylke wieder die Welt in Ordnung...

Bullenfotografie
Bullenfotografie
Die nächstmögliche Krise hätte sich anbahnen können, als auf der Heimfahrt die Straße urplötzlich gesperrt war. Nein, keine Baustelle, kein Giro d'Italia, kein umgestürzter Baum: Bullen standen auf der Straße und sahen uns hochinteressiert an. Nach kurzer Diskussion in einem uns nicht verständlichen Cowderwelsch verwandelten sich die ausdrucksstarken Gesichtsmuskeln, die hellhäutige Gesellschaft guckte plötzlich nur noch kuhl und zottelte gelassen an uns vorbei. Dass diese Begegnung nicht zur Krise ausartete, lag am Mut meiner Beifahrerin - und vielleicht auch am nicht so genauen Hinsehen. Tapfer hatte Sylke das Auto verlassen, um sich den "Kühen" fotopirschend zu nähern - und es ist ja auch nichts passiert, außer wahrscheinlich einem netten Foto (das ich hier aber noch nicht gesehen habe).

Agrotourismus Cimaglia
Agrotourismus Cimaglia
Hej, nun waren wir abenteuerlustig und bogen bei nächstbester Gelegenheit von der Hauptstraße ab. Grobe Richtung: Küste. In Wirklichkeit aber landeten wir an einem Ort, den wir schon seit drei Tagen heimlich gesucht hatten (soooo ein Zufall!): Einem Weinbauernhof mit kleinem Restaurant, Übernachtungsmöglichkeit und Außer-Haus-Verkauf. Wir suchten keinen Übernachtungsort, klar. Aber die Cantine Cimaglia, die in Agritourismo macht und als "grüner Punkt" sich heimischen Produkten verschrieben hat, war uns als ein Ort leckeren und unverschämt günstigen Weines beschrieben worden.

Fünf Liter fünf Euro. Und lecker.
Fünf Liter fünf Euro. Und leck…
Hier gibt es Vino da Tavola Rosso in einem Gebinde, das Weingenießern die Tränen in die Augen treibt: 5 Liter im Plastkkanister für 5 Euro. Wenn man freilich um Wein nicht so ein Gewese macht, sondern ihn einfach produziert und sauber ausbaut, kann er lecker sein und billig. Nur Wasser (auch aus und in Plastikflaschen, übrigens – und das nicht mal geächtet) ist günstiger.

Die Cantine hatte, wie es uns schon so oft auf unserer Reise wegen unmöglicher Einkehrzeiten passiert war, offiziell geschlossen - aber genug Menschen wuselten auf dem Hof herum und ließen uns herein. Und wie auch schon häufig erlebt: Die Menschen waren freundlich, offen, geduldig mit uns. Die zwei Glas, die wir – um den Wanderstaub aus dem Körper zu entfernen – vorher tranken, gab's übrigens gratis.

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February 26, 2009

Apulische Augenblicke (22)

Wandern im Wald

Foresta Umbra
Foresta Umbra
Als Wanderer hat man ganz andere Probleme denn als Schreiber. Ich fang mal mit dem Schreib-Problem an: Das riesige Naturschutzgebiet im Kern des Gargano heißt Foresta Umbra. Das ist, nicht verwunderlich in der Gegend, italienisch und, grammatikalisch gesehen, weiblich: Foresta heißt Wald, aber aus italienischer Sicht eben nicht der Wald, sondern die Wald. Umbra, entnehme ich der Vieste-Webseite, kann naheliegend Schatten bedeuten - oder auch auf den umbrischen Menschen meinen. Und wo ist das Problem? Mein Problem ist, dass nahezu alle deutschsprachigen Quellen "die Foresta Umbra" schreiben, ich aber, weil es doch um den Wald geht, von nun an "der Foresta Umbra" tippen werde.

Viel Moos
Viel Moos
So, das wäre also geklärt. Gut, dass wir drüber gesprochen haben. Und was sind die Probleme des Wanderers? Die sind viel diffizilerer Natur. Die Gegend da ist nämlich eigentlich gar keine Wandergegend. Also, sie ist es schon ein bisschen, aber nicht wirklich dolle. Weswegen es zwar 52 offizielle Wanderführer durch den Park gibt, aber keinen vernünftigen Wanderführer in Buchform. Und die Karte, die sie im Informationszentrum des Nationalparks verkaufen, ist eine schöne bunte Lachnummer im Maßstab 1:25.000. Fünfzehn Touren sind da (italienisch und englisch, immerhin) andeutungsweise beschrieben, wobei hauptsächlich die Parkplätze von Start und Ziel und die mutmaßliche Dauer angegeben sind, was ja nicht sehr viel ist.

Regenwald-Erinnerung
Regenwald-Erinnerung
So richtig doof ist allerdings, dass die eingezeichneten Wege nur eine kleine Auswahl der tatsächlichen Wege zeigt. Die Karte hat pädagogischen Dünkel und ist so etwas wie eine "für die Jugend bearbeitete" Ausgabe von Büchern - in denen dann die wirklich spannenden Teile fehlen: Foresta Umbra, für doofe Touris bearbeitete Ausgabe. Diese verrückte Idee war bei der ersten unserer beiden Wanderungen nicht weiter hinderlich - bei der zweiten hingegen führte die falsche Karte dazu, dass wir in weiten Teilen komplett anders liefen als vorgesehen. Aber: Wir befanden uns auf Wanderwegen - auf alten, ausgedienten. Sie waren noch leidlich beschildert, ein wenig Orientierungssinn und einige Fixpunkte auf der hübsch geschönten Nationalparkkarte lieferten den Rest: Das war dann völlig unerwartet eine richtig schöne Tour!

Für die erste Begegnung mit einem kleinen Teil des etwas über 10.000 Hektar großen Nationalparks wählten wir den Einstieg unweit vom Besucherzentrum. "Falascone" heißt der Punkt, eine nette Grillstation für Sonntagsbesucher ohne große Lauflust (Entfernung zum Parkplatz: etwa 50 Meter). Sonntags ist es im Sommer hier rappelvoll: Die Italiener bevorzugen die deutlich kühlere Luft im meist über 700 Meter hohen Buchenwald und machen es sich dann am Grillfeuer gemütlich.

Rastplatz
Rastplatz
Die gut ausgeschilderte Tour 7 Richtung Laghetto d'Umbra stellte sich als extrem schlendrig heraus, so dass wir an der nächstbesten Kreuzung nach rechts in die Tour 9 zur Caserma Murgia abbogen. Auch keine Herausforderung, sondern eher ein gemütlicher Spaziergang. Das Gebäude sah aus wie ein altes Forsthaus. Wie es so mitten im Buchen-Urwald plötzlich "da" war: das war dann doch eine Überraschung. Die Caserma Murgia war nicht bewohnt, aber offensichtlich ab und an noch genutzt. Wir machten es uns draußen gemütlich: Tisch und Bänke luden zur Brotzeit ein!

Steintreppe
Steintreppe
Die gekaufte Karte war an dieser Stelle dann doch nicht so unnütz, da wir munter weitere Teilstrecken zu unserem ad-hoc-Wanderweg machten: Von der Caserma Murgia folgten wir der Tour elf und ließen uns, als "die elf" uns nicht mehr weiter brachte im Rundweggedanken, nahtlos in Tour zehn gleiten. Ein gefährlicher Weg, ein höchst gefährlicher sogar: Der Weg war nämlich immer wieder garniert mit riesigen Fladen mehr oder minder frisch verdauter Masse. Die frischen Fladen waren ungefährlich: Wer da rein tritt, hat nicht aufgepasst. Aber die schon ausgehärteten - waren es oft gar nicht. Außen kross und innen weich - das kann einen Wandersmann ganz schön stinkig machen! Anders als die reichlich sich hier labenden Mistkäfer genossen wir den Fladenkot der Wildschweine kein bisschen. Manchmal fragten wir uns, ob es vielleicht gar keine Wildschweine waren, die sich da ausgeschissen hatten, sondern Dinosaurier. Der Menge wegen...

Rundgang 10 führte uns (immer ausgeschildert, nett nett!) via Coppa Pasqualone (780 Meter) und Coppa Croci (803 Meter) zurück in die Nähe der Caserma Murgia. Via Tour 8 wanderten wir wieder Richtung Falascone (751 Meter), begleitet nur von vielfältigem Vogelgezwitscher. Touristen sahen wir nicht - Füchse und Wildscheine auch nicht, jedenfalls nicht direkt.

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February 24, 2009

Apulische Augenblicke (21)

Bar C'era Una Volta
Bar C'era Una Volta
Rodi Garganico hat 4.000 Einwohner, etwa 40 davon haben wir kennen gelernt – in der Bar. Die resolute Chefin mit den orangefarbigen Haaren hat alles im Griff – und präsentiert eine wunderbar unanständige Rechnung: Das Glas Rotwein 50 Cent, der Espresso 70 Cent – Bruschetta und Tramenzini gratis.

Die anderen Gäste in der Bar tranken lustige Mixe: Daumendick Rotwein, der Rest Weißwein. Oder ein fast volles Glas Rotwein mit einem Schuss Orangensprudel. Einer kam, las Zeitung und ging. Zwei spielten Karten ohne zu verzehren – das hatten sie vorher getan ohne Karten zu spielen.

Hinter der Stadt: das Meer
Hinter der Stadt: das Meer
Wir hätten den ganzen Tag hier bleiben können und uns sicher nicht gelangweilt. Aber das war ja nicht der Sinn des Besuchs. Wir also raus auf die Piazza Rovelli, wo gerade - es ist Mittagszeit - nicht so arg viel los ist. Rodi Garganico macht, im Vegleich zu Peschichi oder Vieste, sowieso einen sehr ruhigen Eindruck. Dabei hat es doch ähnliche Attribute vorzuweisen: Es liegt auf einem Felssporn hoch überm Meer, das hier mit zwei langen und mehr als passablen Stränden ausgestattet ist. Es gibt einen kleinen Hafen, der allerdings eher modern als romantisch ist. Von der Mole starten Schiffe zu den Tremiti-Inseln, die wir lediglich aus Zeitgründen nicht besucht haben. Zu lohnen scheint es sch - aber man braucht ja immer wenigstens einen Grund, um wieder zu kommen.

Bei Rodi Gargano
Bei Rodi Gargano
Zur Piazza führen belebtere Straßen, doch links und rechts davon wird es wie so oft bezaubernd verwunschen in den Gassen. Da Rodi Garganico nicht so groß ist, kann man im wahrsten Sinne des Wortes planlos herumlaufen und landet garantiert nicht irgendwo, sondern entweder am bereits bekannten Platz (kannten wir da nicht eine vorzügliche Bar?) oder, immer wieder überraschend schön, am Rande der Stadt mit Blick aufs Meer. Einen Trabucco sahen wir bei so einem Ausstieg aus den Gassen auch - offensichtlich einen der frisch rekonstruierten.

Capoiale
Capoiale
Das nächste Ziel ist der Lago di Varáno. Uns empfängt eine Brachialromantik, die man nicht gesehen haben muss. Die Isola ist die Landzunge, bei der es auf der einen Seite der Straße das nicht sichtbare (weil Pinienwälder daszwischen sind) Meer gibt, mit langen Sandstränden. Viele Stichstraßen führen ans Wasser, wir entschieden uns wegen des netten Namens für den Lido del Sole. Dort war es dreckig: Menschenmüll, nicht weggeräumt..

Zum Hafen Capoiale fallen einem viele beschreibende Worte ein – pittoresk, sonst bei Häfen im Mittelmeerraum gern genutzt, gehört nicht dazu. Miesmuscheln wurden früher im Lago vorgezüchtet, seit der biologisch tot ist, gibt’s die Muscheln nur noch aus dem Meer. In Capaiole werden die Muscheln umgeschlagen. Im Sommer, wenn es mehr Menschen als Muscheln da gibt, spielen die Fischer Fähre und setzen zu den Tremiti-Inseln über.

San Nicola Varano
San Nicola Varano
Bei der Weiterfahrt - wir wollen den Lago umrunden für die Rückfahrt - taucht plötzlich eine Geisterstadt mit Kirche auf: San Nicola Varano. Eine Erklärung für die Ruinen findet sich nirgendwo, das Areal verfällt schlummernd vor sich hin. Sogar die Schlange ist tot, die mir beim Aussteigen aus dem Auto kursfristig einen Schreck eingejagt hat. Ein wenig Recherche hat dann ergeben, dass dieses früher wohl eine Station für Wasserflugzeuge war. "Wer die Straße von Cagnano Varano her kommt, wird überrascht sein, ein Dorf zu sehen mit modernen und eleganten Bauten, die aber völlig fehl am Platz sind in einem Gebiet, das sonst Brachflächen und Gestrüpp vorbehalten ist." Die Anlage stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, wurde aber 1915 zu dem, was sie ist - und hauptsächlich im Ersten Weltkrieg benutzt. Aha, und seitdem will es offensichtlich keiner mehr haben. Dabei sieht das aus wie eine Feriensiedlung...

Bunter Verfall
Bunter Verfall
Das nächste Ziel auf der Rückreise ist Vico del Gargano. Mittelalter pur. Fehlte nur noch, dass die Scheiße die Gassen entlang fließt. Auch hier ein Stauffer-Castello, 1240 unter Friedrich II. gebaut, nur von außen als wuchtige Anlage erkennbar – aus der Innenansicht ist es ein eher unauffälliger Teil der Stadt und bewohnt! Die Häuser stützen sich mit Bögen gegenseitig, der Platz dazwischen ist eng, sehr eng. Moosige Treppen deuten auf Feuchte – kein Wunder, denn Sonne kommt da nie hin. Hinter jeder Ecke neue ah-und oh-Blicke, Treppen, Stürze, Bögen. Alles sieht alt aus, alles scheint bewohnt.

Abendspaziergang
Abendspaziergang
Jetzt, in den Spätnachmittagsstunden, sieht man auch manchmal Menschen auf den Gassen und Plätzen. Drei alte Damen (nein, sie tanzen nicht Tango mitten in der Nacht, wie im Chanson) treffen sich auf einem Platz, eine strickt, eine fegt, alle reden miteinander. Eine nette Szene vor der Kirche: Die Männer waren während der Messe draußen auf einen Schwatz. Die Glöckchen aus der Kirche, die den heiligen Moment der Wandlung einläuten, unterbrach den Plausch subito: Man stob auseinander und zurück in die Kirche.

9.000 Einwohner hat Vico del Gargano, davon leben viele im historischen Zentrum. Die ältesten Teile der Stadtmauern (es gibt eine äußere und eine innere) sind tausend Jahre alt. Aber sie haben Strom in der Stadt...

Wandmalerei
Wandmalerei
Abendessen in Peschici. Ein Tipp in einem unserer mitgenommenen Bücher führte uns zur Vecchia Peschici – sah von außen ok aus und hatte in der Tat einen atemberaubend schönen Blick von der Terrasse gen Sonnenuntergang hinterm Hafen – der aber leider wegen aufziehender Wolken nicht sichtbar stattfand. Das Essen (Vorspeise Meeresfrüchteteller 9,50, aus den Primis Orecchiette mit Stängelkohl, Seezunge nach Art des Hauses mit Sauce aus (und mit) Tomaten, gelber Paprika, Kapern) war ordentlich, aber nicht umwerfend. Das Ambiente – außer der Sicht – eher uncharmant: Die Tische nicht vorher eingedeckt, die Bedienung eher lustlos und uninspiriert wie das Essen. Außer uns nur vier Gäste aus Schwaben/Bayern, über die zu schreiben die Höflichkeit verbietet und drinnen ein Paar – es war sozusagen leer. Verdientermaßen?

Karte mit Ortsmarken und der Reiseroute

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February 19, 2009

Prager Palaver (12)

Spiegelung
Spiegelung
Hoch oben auf dem Berg mit der Burg - der anderen, also auf dem Vyšehrad - hat man einen schönen Blick auf die goldene Stadt. Jaja, so nennt man Prag - aber aus gutem Grund kam dieser Begriff hier noch nicht vor: Unter der winterlichen Inversionsdunstglocke wirkte selbst das Güldene nicht so strahlend - aber der wunderbare Blick wird im Dunst ganz besonders. Man kann sich dran gewöhnen und es sogar schön finden. Wenn nur die Kälte nicht wäre!

Sylke
Sylke
Es gibt zwei Wege zu Fuß in die Stadt: Einen flussnah und einen am anderen Ende, in der Verlängerung des Weges, der uns in die Burg geführt hat. Wir nahmen natürlich den Weg mit Blick auf die Moldau, haben deswegen eigentlich sehenswerte kubistische Architektur nicht gesehen, statt dessen aber sich in der Moldau spiegelnde Pappeln. Es gab barock anmutende Ausbuchtungen, die zum Ausguck einluden - und zum Aufnehmen echt touristischer Erinnerungsfotos. Natürlich muss man sowas auch mal machen!

Grand Hotel Europa
Grand Hotel Europa
Unten am Fluss fahren Straßenbahnen - wir sind in die nächstbeste eingestiegen und wurden nicht enttäuscht: Sie fuhr in die Innenstadt. Jetzt Augen auf und an der richtigen Haltestelle rausgehupft: Václavské náměstí, Wenzelsplatz. Der Mittelpunkt der Prager Neustadt macht gar keinen Platz-Eindruck: 50 Meter breit und 700 Meter lang - das erinnert eher an eine breite Straße mit Mittelstreifen. Aber was hat dieser Platz nicht alles gesehen! 1348 als Rossmarkt angelegt, im 19. und 20. Jahrhundert als prächtiger Boulevard ausgebaut - mit dem Nationalmuseum am oberen Ende (schlau gemacht in der Wikipedia: Neorenaissancegebäude, 1885 - 1890). Dann 1968 Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts, um den Prager Frühling zu beenden - und am 16. Januar 1969 die Selbstverbrennung von Jan Palach als Protest genau dagegen (dem Link zu Jan Palach zu folgen und in der Wikipedia zu lesen, wie das damals war, empfehle ich ausdrücklich).

Wnimanie Dresden
Wnimanie Dresden
Wir waren als Studenten aus Münster im damals noch sozialistischen Prag und wohnten in einem der Hotels am Wenzelsplatz - schon da konnte mich der Platz überhaupt nicht begeistern. Lediglich das Grand Hotel Europa mitsamt Café hatte eine gewisse Ausstrahlung, der Rest war - schon damals - Nippes. Das ist nach der "Samtenen Revolution" 1989 nicht besser geworden: Dieser Platz ist einer, den man schnell wieder verlassen sollte. Am besten mal wieder Richtung Altstadt! Auf dem Weg gibt es zahlreiche Geschäfte - nein, eigentlich: Shops oder Stores, denn hier ist Prag mittlerweile so beliebig bestückt wie jede andere Metropole. Auch die Preise sind, soweit wir das verglichen haben, angepasst. Keine besonderen Schnäppchen, keine allzu großen Übersohrhauereien. Nett fand ich die russischsprachige Einladung zu Tagestouren von Prag aus an einem Kiosk. Nummer eins: nach Dresden! Okay...

Gemeindehaus
Gemeindehaus
Erfreulich schnell ist man am Platz der Republik - der quasi das Bindeglied zwischen Neu- und Altstadt ist. Der Pulverturm macht klar: Es wird wieder alt (1475) mit schönen Durchblicken! Gleich nebenan hat einen der Jugendstil wieder - das Gemeindehaus (1906 - 1912) lädt zu ausgiebigen Betrachtungen ein: Hochgucken und die Steine des Mosaiks zählen! Unten rein und einen Kaffee trinken! Ein Restaurant gibt's auch noch, und Ausstellungsräume (alles nicht gesehen, weil keine Zeit!).

Durch den Pulverturm hindurch geht's die Celetná entlang zum Altstädter Ring - vorbei an vielen Geschäften, Gaststätten und betrachtenswerten Fassaden. Waren wir hier nicht schon mal? Na klar: Gleich bei unserem ersten Spaziergang! Der Kreis schließt sich...

Alle Spaziergänge mit Foto-Geotags bei Google-Maps.

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February 15, 2009

Prager Palaver (11)

Pfeil
Pfeil
Prag hat eine Burg, na klar. Aber eigentlich hat die Stadt zwei Burgen: Die jeweils andere kann man (kein Nebel vorausgesetzt) ganz gut am anderen Moldauufer sehen. Der Vyšehrad wurde bereits im 10. Jahrhundert gegründet - was ja eigentlich schon alt genug ist. Die Legende jedoch hätte es gern noch älter: Der Fels rechts der Moldau sei Sitz der sagenhaften Fürstin Libussa (Libuše) gewesen, heißt es. Stimmt aber nicht, meinen die Archäologen und verderben mit Wissenschaft den Spaß - egal.

Handschuh
Handschuh
Auch wenn es nicht stimmt - es macht sich doch gut zu hören, dass hier die Wahrsagerin Libussa vor mehr als tausend Jahren gestanden haben und die Gründung von Prag vorausgesagt haben soll! Ein klassischer Ort ist die "hohe Burg" aber auch ohne Legendenzauber: Die Přemysliden, das böhmische Herrschergeschlecht, hatten hier in der Tat zeitweise ihren Sitz, und Karl IV befand den Ort für so wichtig, dass er festlegte: Wer König werden will, muss seinen Krönungsweg zur Burg auf dem Hradschin auf dem Vyšehrad beginnen - zu Fuß und in vollem Ornat, versteht sich.

Nusle-Brücke
Nusle-Brücke
Wir kamen mit der U-Bahn. Die Station am Kongresszentrum liegt oberirdisch - und wenn man rauskommt, merkt man: Die U-Bahn war kurz vorher schon hoch in der Luft, denn sie befährt einen Hohlkasten unterhalb der Brücke (Nuselsky most). Eine interessante Konstruktion, über die - wer will - Details nachlesen kann. Zum Vyšehrad sind es einige Minuten trostlosen Fußwegs, da muss man durch - so wie dann auch durch die beiden Tore, die in die Burg führen. Aber die sind schon gar nicht mehr trostlos!

Leopoldtor
Leopoldtor
Tor Nummer eins ist das Tábor-Tor. Es wurde, entnehme ich der Wikipedia, um 1655 im Frühbarock an der äußeren barocken Befestigung errichtet. Dahinter lag die mittelalterliche Vorburg. Für Fotografen etwas mehr her macht das Leopold-Tor, 1678 im Stil norditalienischer Festungsarchitektur gebaut. Früher gab es hier einmal eine Zugbrücke, aber sie wurde 1842 durch eine Straße ersetzt, wohl weil die Burg da schon längst nicht mehr vor Feinden zu verteidigen war. Und die Touristen lässt man ja so rein...

Maria auf den Schanzen
Maria auf den Schanzen
...und nach dem Leopold-Tor ist man dann auch drin. Im Vergleich zur Burg am anderen Ufer ist es hier sehr ruhig und beschaulich, es gibt Kleinode am Wegesrand wie die St.-Martins-Rotunde, die Kapelle der Jungfrau Maria an den Schanzen oder das vor 1685 errichtete Marterl - eine Pestsäule aus Sandstein, bei der das Mosaik mit den Heiligenbildern aber erst viel später hinzukamen (Anfang des 20. Jahrhunderts). Aber besonders schön ist eigentlich die Weite des Areals, verbunden mit den wenigen Besuchern: da lässt es sich schön Bummeln!

Kirchtor
Kirchtor
Immer wieder sieht man natürlich schon, was dann früher oder später Höhepunkt des Besuches sein wird: Die St.-Peter-und-Paul-Kirche, deren Anfänge im 11. Jahrhundert zu finden sind. Aber was man heute sieht, ist deutlich jüngeren Datums: Josef Mocker, der es gerne neogotisch hatte und dafür auch mal gerne die vorherige Form vergaß, hat die Kirche 1885–1887 umgestaltet, die dominierende Doppelturmfassade wurde sogar erst 1902–1903 angefügt. Auch der Fassadenschmuck und die Innenausstattung stammen fast ausschließlich aus dieser Zeit. Das Hauptportal und die Tür hatten es uns besoners angetan - drinnen war zuerst wieder geschlossen (wir kommen gerne zur Mittagszeit an!) und später fanden wir es nicht so spektakulär - was aber auch an uns gelegen haben kann.

Friedhofsarkaden
Friedhofsarkaden
Lange Zeit verbrachten wir hingegen auf dem Friedhof vor der Kirche. Der ist nämlich kein gewöhnlicher Pfarrfriedhof. sondern eine nationale Begräbnisstätte. Wer Friedhöfe mag, wird diesen lieben, und immer mal wieder bekannnte Namen zu finden, ist eine willkommene Abwechslung. Besonders unter den Friedhofsarkaden, die prächtig ausgestattet sind, wird man fündig - und natürlich ist der Slavin als gemeinsame Ehrengruft verdienter Persönlichkeiten des tschechischen Volkes ein Ort, tschechische geschichte Revue passieren zu lassen. Ein Tipp: Am Eingang zwischen den rechten und linken Arkaden ist draußen ein Schild mit den Orten einiger sehenswerter Gräber - wer gezielt etwas suchen will, kann es natürlich auch im Internet.

Glühwein
Glühwein
Den Abschluss des Spaziergang bildete - wer hätte anderes erwartet? - ein Kurzbesuch in einer Gaststätte. Ausnahmsweise mal nicht zum Essen, sondern nur auf einen Glühwein, waren wir im Rio's Vyšehrad. Damit ist nichts gegen das Essen gesagt - Irene hatte uns das Rio's als Feinschmecker-Restaurant empfohlen. Aber wir wollten uns ja nur kurz aufwärmen. Der Glühwein war lustig: Ein Glas a la minute warm gemachter Rotwein (im Wasserkocher) mit einer Orangenscheibe, dazu eine Stange Zimt, Zucker, ein Zitronenschnitz und ein Päckchen Honig. Aber was soll ich sagen: Hat geschmeckt!

Der Spaziergang ist auf der rote Weg auf der Prag-Karte - und er geht, wie man sieht, noch weiter ;-)

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February 13, 2009

Frauenkirche 13. Februar 2009

Frauenkirche 13. Februar 2009
Frauenkirche 13. Februar 2009
Es ist der 13. Februar 1945. Bomberverbände nähern sich Dresden, um 21.45 beginnen sie ihr makaberes Handwerk.

Es ist der 13. Februar 2009. Die Glocken aller Kirchen läuten in Dresden.

Und die Dresdner gedenken der Bombennacht, mittlerweile recht unterschiedlich. Viele leise, mit Blumen und Kerzen an der Frauenkirche. Es sind dies keineswegs nur die Älteren, auch viele Junge sieht man. Doch bedrückend sind die Worte der Älteren, für sich gesprochen meist, nicht für ein Publikum. "Die ist für den Opi", sagt die Frau, als sie die Kerze zu den vielen anderen stellt - "weil er uns aus den Trümmern gerettet hat!"

Frauenkirche 13. Februar 2009
Frauenkirche 13. Februar 2009
Weiter weg demonstrieren die Linken gegen die Rechten. Sie haben den Gedenktag für sich entdeckt, instrumentalisieren ihn. Die Musik ist eher krachig und geschmacklos, das ganze hat Event-Charakter. "Ihr solltet Euch schämen!" sagt die Frau, die vom Alter her schon 1945 dabei gewesen sein könnte.

Mindestens 18.000 und maximal 25.000 Tote (so die Historikerkommission) hat es in dieser Bombennacht und den Tagen darauf gegeben, als das Feuer durch die Stadt tobte. Viele sprechen deswegen von einer "sinnlosen Bombardierung" - was aber immer auch impliziert, dass es eine sinnvolle geben würde. Aber dem ist nicht so. Auch die Bomben der Deutschen auf Coventry waren mörderisch. Dass in Dresden mittlerweile Menschen aus Coventry und Dresden gemeinsam der Toten gedenken können und sich gegen jedweden Krieg aussprechen, ist die gute Nachricht des 13. Februar 2009 in Dresden.

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